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GYMNASIUM SCHLOSS OVERHAGEN

 

Prof. Dr. Lademacher spricht zum deutsch-niederländischen Verhältnis
Pressebericht zum Vortrag vom 28.10.1999 am GSO:

Spannungsreiche deutsch – niederländische Nachbarschaft auf der Schlossbühne Overhagen erörtert

Die Niederlande und die Bundesrepublik Deutschland arbeiten als gute Nachbarn in der Europäischen Gemeinschaft politisch gut zusammen, die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Staaten sind gut. Trotzdem fällt auf: Die Beziehungen zwischen Niederländern und Deutschen sind nicht immer frei von Ressentiments und Argwohn. Könnte es sein, dass viele Niederländer die Deutschen immer noch für unverbesserliche Militaristen und Antidemokraten halten?
Fragen, die besonders in einer Stadt wie Lippstadt, die enge Beziehungen zu ihrer niederländischen Partnerstadt Uden unterhält, sehr interessant sind. Deshalb bemühten sich Herr Ahl von der VHS Lippstadt und Hubert Hüsgen vom Gymnasium Schloss Overhagen um einen Experten, der diese Probleme sachlich fundiert erörtern konnte. Mit  dem Münsteraner Professor Horst Lademacher gelang es ihnen, einen Historiker auf das Forum der Schlossbühne Overhagen einzuladen, der aufgrund seiner Kenntnisse und Erfahrungen ein deutliches Bild der deutsch – niederländischen Beziehungen darstellen kann.
Professor Lademacher hat als Historiker viele Jahre in Amsterdam gelehrt und hatte bis zu seiner Emeritierung zum Ende des Sommersemesters 1999 einen Lehrstuhl für Geschichte an der Universität Münster und vertrat auch das Fach Geschichte im Rahmen des Studienganges “Niederlandestudien”.
Deutlich wies Professor Lademacher darauf hin, dass das Bild des militaristischen und antidemokratischen Deutschen sehr deutlich durch den zweiten Weltkrieg und den Leidenserfahrungen des besetzten Volkes geprägt worden sind. Obwohl sich die deutsche Besatzungsmacht in den ersten Monaten sehr zurückhielt , folgten jedoch bald die Ausgrenzung und Deportation von Juden, der zunächst freiwillige, dann zwangsweise Arbeitsdienst von Niederländern  in Deutschland, schließlich Geiselerschießungen und der Hungerwinter 1944/45, der viele Todesopfer forderte. Dies alles waren Maßnahmen der deutschen Besatzer, die wesentlich zum schlechten Bild der Deutschen in den Niederlanden beigetragen haben.
Nur, wenn der zweite Weltkrieg die Ursache dieses schlechten Deutschenbildes in den Niederlanden war, dann muss es vorher besser gewesen sein. Dies trifft aber so nicht zu. Zwar waren die bilateralen Beziehungen zwischen den wichtigsten deutschen Staaten und den Niederlanden gut, aber für das Bild der Deutschen in den Niederlanden stellte Professor Lademacher einen deutlichen Bruch mit dem Jahr 1815 fest. Er machte dies an der Entwicklung des Wortes “mof” deutlich, einem Schimpfwort mit dem Deutsche belegt wurden. Bezeichnete dieses Wort vor 1815 einen groben, unkultivierten Menschen,  der nur in der Lage war, niedere Arbeiten zu verrichten, so bekam das Wort nach 1815 eine andere Bedeutung. Es bezeichnete jetzt den “Untertanen”, den “Militaristen”, den “Bürokraten” und den “Stiefellecker”. Dieses Deutschenbild entstand in einer Zeit, in der die Niederlande von keinem deutschen Staat bedroht wurden. Professor Lademacher erklärte dieses Phänomen so: Das Jahr 1815 bedeutete für die Niederländer den Verlust ihrer Großmachtrolle. Sie steigen im Grunde politisch aus der Bundesliga in die Regionalliga ab. Gleichzeitig wird das Königreich der Niederlande von seinen Nachbarn  in der Entwicklung der Industrie überholt. Dies führte zu einem David und Goliath Effekt, der dazu führte, dass die Niederländer den Deutschen Nachbarn sehr kritisch sahen. Dieser Effekt verstärkte sich dann noch nach der Reichseinigung 1871. Allerdings wurde auch von deutscher Seite wenig daran getan, dieses Bild zu ändern. In Deutschland wurden die Niederlande weitgehend gar nicht wahr genommen, da sie als zu klein und unbedeutend erschienen , oder die Niederländer wurden als unbedarfte “Käsköppe” betrachtet.  Der Überfall auf die Niederlande und die Deutsche Besatzungspolitik festigten und vertieften dann das negative Deutschenbild der Niederländer.
Aber auch nach dem zweiten Weltkrieg änderte sich das Bild der Deutschen in den Niederlanden nicht zum Guten. Die Ressentiments der Niederländer wurden deutlich bei dem berühmten 2:1 Sieg der Niederländer über Deutschland und bei den massiven Reaktionen auf die Brandanschläge in Mölln und Solingen . Diese Haltung der jungen Niederländer führt Professor Lademacher auf  deren Elternhäuser und auf die niederländischen Schulbücher zurück, die im wesentlichen von der deutschen Geschichte nur die NS Zeit darstellten und somit  alle demokratischen Traditionen und Entwicklungen verschwiegen.
Allerdings, führte Professor Lademacher weiter aus, sei dieses negative Deutschlandbild im Wandel begriffen. Wichtige Schritte auf diesem Weg zu einem besseren Bild der deutschen in den Niederlanden sei die Rede Helmut Kohls in der Erasmusuniversität in Rotterdam gewesen, die sehr viel Eindruck in den Niederlanden gemacht habe. Auch die Entwicklung von Unterrichtsmaterialien zum demokratischen Deutschland und die Tatsache, dass die Geschichte der Bundesrepublik auch in den niederländischen Abiturprüfungen vorkommen hätte sehr viel zur Verbesserung des Bildes der Deutschen in den Niederlanden beigetragen. Diese positive Entwicklung könne man durch Austausch – und Begegnungsprogrammen sehr unterstützen. Wichtig sei es , dass sich nicht nur Politiker und Intellektuelle, sondern ganz normale Menschen aus beiden Ländern begegnen. Einen weiteren Rat fügte Professor Lademacher hinzu: Wenn Sie in die Niederlande reisen, erwarten sie doch nicht überall, dass man wie selbstverständlich Deutsch spricht. Respektieren Sie doch, dass die Niederländer eine eigene Sprache haben, versuchen Sie es doch mal mit etwas Niederländisch.

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